Brauner Flashmob in Essen
17. August 2009 um 20:20 Uhr von Paul
Rechter Flashmob in der Essener Innenstadt
Feierabend, ein lauer Sommerabend im schönen Essen. Ein Bierchen am Salzmarkt und dann nett ins Kino: Sneak Preview. Doch statt des Überraschungsfilms bekomme ich meine böse Überraschung frei Haus mitten in der Fußgängerzone: Neonazis sind in der Stadt.
Verdutzt steige ich von meinem Fahrrad ab: 35 antifabewegte Jugendliche werden von der Polizei am Weitergehen gehindert. Ein Protestant ergreift die Stimme: „Deutsche Polizisten schützen die Faschisten.“ Und sinngemäß: „Ich nehme mein Recht auf Protest gegen den Faschismus wahr!“ Spontaner Applaus einer gaffenden Gruppe Jugendlicher, die Passanten sind irritiert bis ignorant. Neugierig fahre ich den grünen Figuren die Einkaufsstraße zum Bahnhof hinterher. Vielleicht 15 Männer und 2 Frauen laufen da, Hansa-Flaschen, durchtrainiert, schwarze T-Shirts und Cargohosen, abgeschirmt von ebensoviel Polizei. „Hey, wofür oder wogegen demonstriert ihr?“ rufe ich. Keine Antwort, also näher ran. Die Wiederholung der Frage bringt nach Bedenkzeit eine gröhlende Antwort: „Gegen die Dummheit des Menschen!“. Aha. Sehr konkret. Johlendes Gelächter der Demonstranten. Ich nehme Fühlung auf und spreche Einzelne direkt an, doch die schweigen und schauen mich möglichst bedrohlich an. Na gut. Schade. Ich rede immer gerne mit Neonazis.

Die Antifa wird durch die Polizei gestoppt
Also zurück zur Antifa. Soll die mich aufklären, was hier los ist. Ein netter Mann gibt mir Auskunft: „Heute ist der Todestag von Rudolf Heß, die Nazis machen einen bundesweiten Flashmob und lesen aus seinen Briefen. Wir wollen das verhindern.“ Flashmob jetzt auch in braun, na toll. In Essen haben wir einen obskuren Laden namens „Oseberg“, der offenbar die Carmouflage-Szeneklamotten (draußen modisch, drinnen Faschist) von Thor Steinar vertreibt. Ein Politikum und Ziel regelmäßigen Glasbruchs, Farbbeutelattacken und von Stinkbomben. Dort treffen sich die Linken, in ihrer Splitterrotbuntheit von Linke, MLPD und „old school“-DKP zum Protest und singen passendes Liedgut – „Vörwärts, und nicht vergessen…“. Ich werde gefragt, wofür ich die Fotos mache, die Wechsel-Wähler scheinen noch nicht im kollektiven Bewusstsein der Republik angekommen, mit Skepsis werde ich deswegen zunächst für eine Nazi-Foto-Drone gehalten.

Oseberg (Zwei Dutzend stehen außerhalb des Bildes)
Inhaltlich stehe ich wieder zwischen den Fronten, denn, ja ich bin dafür dass auch rechtsradikale Menschen körperlich unversehrt, dass ihre Läden (bis zur Schließung) unbeschädigt bleiben und dass auch sie sich im Rahmen der Verfassung öffentlich artikulieren können. Deswegen nicht „Nazis raus und Demos verhindern“ sondern drauf, mit ihnen reden, Präsenz und Uneingeschüchtertheit demonstrieren. Und mit aller Macht von bürgerschaftlichen Engagement friedlich dagegen. Das mag naiv sein, aber das ist meine Art des Protests gegen ihre widerliche Ideologie. Vor ein paar Jahren habe ich das mal auf einer rechten 1. Mai Demo auf die Spitze getrieben und das ganze in einem längeren Artikel verpackt. Das Erlebnis und die anschließenden Diskussionen haben mich wirklich weitergebracht.
Während mein Film läuft und der „echte“ Wahlkampf weiter CDU-boykottiert dahinsiecht, spielen Nazis und Antifa weiter Räuber und Gendarm. Mein Puls beruhigt sich langsam und ich hoffe, ich kann nächstes Jahr das machen, was Rudolf Heß an seinem Todestag verdient hat: Ihn vergessen.










Lade...



Am 17. August 2009 um 21:21 Uhr
Nachtrag: Auch die Zeit berichtet über “Hessmobs”: http://www.zeit.de/online/2009/hess-flashmob?page=1
Am 17. August 2009 um 22:31 Uhr
paul, wie immer sehr interessant zu lesen..
Danke!