Der Besuch von Martin Lindner - oder auch: mein Dilemma mit der FDP

7. September 2009 um 05:58 Uhr von Ewa

Nachdem die letzten Wochen bei mir sehr spd-lastig waren: der Besuch von Eva Högl in unserer WG, das Sommerfest der SPD Berlin-Mitte/Wedding, die Wahlparty zu den Landtags- und Kommunalwahlen im Willy-Brandt-Haus und zuletzt noch der SPD-Wahlkampfauftakt in Hannover im „Wir-für-Frank-Team“ und rot sich in dieser Zeit für mich zu einer echten Wahlalternative entwickelt hat (eine meiner drei Kommunalwahlstimmen ging an die SPD), war nun gelb an der Reihe und damit eine liberale Politik, die bei meinem freiheitsliebendem und gegen Bevormundung rebellierendem Naturell immer eine Wahloption darstellt.

Nun also Dr. Martin Lindner, Spitzenkandidat der Berliner FDP, der angeblich Wadenbeißer-Qualitäten haben soll. 
Es ist nicht die Tatsache, dass er samt Chauffeur mit seinem 7-er BMW vorfährt oder das Pferdchen mit Reiter auf seiner Brust, sondern sein steifes Auftreten, das zunächst für ein wenig Befremden sorgt. 

Nach ersten Anlaufschwierigkeiten („Sie“ oder „Du“) kommt das „Vorstellungsgespräch“ gut in Fahrt und auch bei den scheinbar weichen Fragen zum alltäglichen Zusammenleben heißt es Farbe bekennen: Ökostrom -ja oder nein? GEZ prellen? Und wie steht er zu Cannabis?

Rhetorisch bewandert erläutert er danach das Deutschlandprogramm und geht insbesondere auf  Mindestlohn und Entwicklungshilfe ein. Auch wenn das jetzt verkürzend ist, bleibt bei mir insbesondere seine Einschätzung, dass der Mindestlohn zur Steigerung der Schwarzarbeit führe und Entwicklungshilfe fast ausschliesslich bei der oberen Schicht eines Landes ankomme, in Erinnerung. Ist es Pessimismus oder Realismus? Was mir jedenfalls bei Herrn Lindner fehlt, ist eine Portion Idealismus.

Der Tag zeigt mir mein Dilemma mit der FDP auf: von der Notwendigkeit die Bürgerrechte wieder zu stärken überzeugt, bei den politischen Konzepten durchaus mit vielem d‘accord und zu Guido Westerwelle mag man ja stehen, wie man will, aber das von der Gegenseite viel beschworene Schreckensszenario von ihm als Außenminister kann ich beim besten Willen nicht teilen; scheint die FDP eine Option zu sein. Das, was mich zögern lässt, sind die Menschen, die hinter der Partei stehen.

Wären wir bei der Sendung „Zimmerfrei“, wo am Ende die Zuschauer mittels roter oder grüner Karten entscheiden, ob der Gast einziehen soll, wäre die Sache klar und die rote Karte griffbereit.  Unser Format heißt aber Wechselwähler-WG und statt roter und grüner Karten, habe ich eine Zweitstimme zu vergeben bei der gelb trotzdem noch im Rennen ist.

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2 Reaktionen zu “Der Besuch von Martin Lindner - oder auch: mein Dilemma mit der FDP”

  1. Tom

    FDP und Bürgerrechte schützen. Was man den Menschen nicht alles weiß machen kann? Bei einer Schwarz-Gelben Koalition wird es einen Kuh-Handel geben. Die CDU/CSU bekommt ihre z.B. die Bundeswehr im Inneren, damit Demonstranten effektiv mit Panzern eingeschüchtert werden können. Dafür bekommt die FDP freies Spiel bei der Lockerung des Kündigungsschutzes. Bürgerrechte - sicherlich: aber nur für Arbeitgeber. Die Agenda der FDP gilt doch nur für 15% der Bevölkerung - eben die 15% Bessergestellten - die haben natürlich Bürgerrechte. Und by the way, ist ein fairer Lohn nicht auch ein Bürgerrecht? Ist es nicht ein Recht des Menschen nicht durch Arbeit arm zu werden, sondern ein Auskommen zu haben?

  2. Michael Panzer

    Liebe Ewa, der Idealismus welcher dir bei der FDP fehlt steht in dem oberen Kommentar ;-). Ich will mich nicht zur Programmatik der FDP äußern, ich für meinen Geschmack halte sie für die richtige Richtung. Mir persönlich ist die Sozialdemokratisierung der BRD langsam schon zuviel. Ein Sozialstaat muss auch bezahlbar sein. Da wäre wir auch schon bei dem Punkt, auf welchen ich hinaus wollte.

    Ich sehe die Zukunft nicht bei den Idealisten sondern bei den Realisten und Pragmatikern. Mit Träumen bekommt man halt niemanden satt oder in Arbeit. Das beste Beispiel sind doch die Grünen. Anfang der 90er ein haufen Idealisten. Schöne Ideen für einen bessere Welt, jedoch ohne Realitätsanspruch. Als sie mit der SPD an die Macht kamen, wurde aus diesen, schon fast fundamentalen Idealisten, REALISTEN. Sie hatten was zu sagen und merkten wie weit man mit Idealen kommt.

    Die Zeit des Idealismus hat die FDP schon lang hinter sich, als älteste politische bewegung in Deutschland.

    Nur noch ein Wort zum schluss. Für mich ist die Richtung liberal nicht sozialistisch. Eigenverantwortung und Freiheit. Geleichheit in den Grundrechten, Entfaltungsmöglichkeiten im Konkreten.
    Und ja, auch Besitz- und Einkommensunterschiede sind richtig, denn sie erzeugen erst die Motivation. Die, die was anderes behaupten, sind Idealisten ;-)

    Grüße Michael

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