FDP - Einzug ins Finale?

7. September 2009 um 12:30 Uhr von Anselme

Die Welt ist schlecht. Entwicklungshilfe kommt bei Diktatoren an, unter Arbeitslosen gibt es zuviele Arbeitsunwillige, Steuern schrecken Verdiener und Unternehmen. Die Welt ist schlecht.

Dr. Martin Lindner besticht mit Ehrlichkeit. So sagt er mit vollem Ernst “das ist Quatsch” über die Verankerung des Sports im Grundgesetz (Deutschlandprogramm FDP. S.42), eine Forderung seiner eigenen Partei. Er versucht nicht, uns zu beschwatzen, sondern uns zu überzeugen - denn er ist überzeugt. Schafft er das bei mir?

Kerngebiet der FDP ist Wirtschafts- und Steuerpolitik. Also setzen wir auch direkt dort an. Wie kann die FDP die niedrigeren Steuern, die sie verspricht, finanzieren?

Was sagt Dr. Lindner?

 Ganz einfach, so Lindner. Zum ersten bedeuten niedrigere Steuern nicht unbedingt niedrigere Einnahmen, zum anderen werde viel Geld verschwendet. Eine Gemeinde mit Geldschwierigkeiten senkte die Gewerbesteuer auf 200 Punkte (Was genau das bedeutet, bleibt mir verborgen, als Vergleich führt er Berlin an: 500 Punkte) und bekam so regen Zulauf von Unternehmen, worauf die Steuereinnahmen stiegen.

Was sage ich?

Stimmt, leuchtet ein. Aber woher kommt das Geld? Doch wohl von Unternehmen, die von anderen Gemeinden kommen oder nicht woanders investieren. Man nutzt also sich selbst, indem man anderen Gemeinden schadet. Auf eine globalisierte Welt bezogen bedeutet das: Deutschland senkt die Steuern, wir werden attraktiver auf Kosten unserer Nachbarländer. Auch, wenn unsere Nachbarn niedrigere Steuern haben: Wenn wir alle liberale Staaten werden, pendeln wir uns irgendwann auf ein niedriges Steuerniveau ein, unter das niemand mehr gehen kann. Ist also liberale Politik nicht eine Prozesspolitik, die nicht für einen Endzustand geeignet ist?

Dr. Lindner und die WG sind sich über einen Punkt einig: Es gibt Entwicklungshilfe, die nicht dort ankommt, wo sie ankommen soll. Als Beispiel nennt er eine Dürre in Kenia: Die dortige Regierung bittet die UNO um Hilfe, diese entsendet tonnenweise Getreide aus ihren Überschüssen. Die Lieferungen werden von der Regierung eingesackt, an nachbarstaatliche Diktaturen verteilt oder zu einem Spottpreis verkauft, worunter die heimischen Bauern leiden. Dies ist also rausgeschmissenes Geld.

Stimmt, sagen wir. Den Schritt machen wir auch: Aber statt das Geld einfach einzusparen, sollte man es doch in eine europäische Verwaltung investieren, die Maßnahmen ergreift, um Entwicklungshilfe wirklich dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Diesen Schritt mag Dr. Lindner nicht so recht machen. Leuchtet ja auch ein, irgendwo muss man ja auch Geld sparen. Aber ist das gut?

Von Geldpolitischen Inhalten mag mich die FDP somit nicht so recht überzeugen, doch es gibt ja noch andere Gebiete. Wie, frage ich, wird die FDP also den Tierschutz fördern?

Kurzes Schweigen. Indem sie sich nicht gegen die Integrierung des Tierschutzes ins Grundgesetz gewehrt habe. Aber man solle es nicht so übertreiben damit.

Damit ist für mich weitestgehend schon Schluss. Heutzutage nicht einmal über Leid und Tod nachzudenken, dass wir als Menschheit tagtäglich über andere Spezies bringen, hat nicht nur symbolischen Charakter, es sagt was über die Grundeinstellung der Partei aus.

Mich nicht überzeugend, nicht für meine Ideale sprechend komme ich konsequent nur zu einer (Vor)Entscheidung:

Die FDP ist raus. Es gibt auch kein Recall - meine Stimme bekommt sie nicht.

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5 Reaktionen zu “FDP - Einzug ins Finale?”

  1. Tom

    “Die FDP ist raus. Es gibt auch kein Recall - meine Stimme bekommt sie nicht.” - Klasse! Endlich mal ein vernünftiges Urteil.

    P.S. Die Punkte (200, 500 etc..) die Lindner anspricht nennt man die Hebesatz. Er entscheidet wie hoch die Steuerbelastung durch die Gewerbesteuer ist. Grundwissen - Kommunalpolitik.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Hebesatz_(Steuerrecht)

  2. Konrad

    Es gibt ohnehin keine Partei mit der man 100 %ig übereinstimmt, man muss halt abwägen zwischen den Punkten, denen man zustimmt und solchen, die man ablehnt. Dafür find ich deine Bewertung aber etwas zu einseitig, es sei denn, die Steuerpolitik ist für dich zu >90 % wahlentscheidend.

  3. Anderer Tobias

    @ Konrad: “Steuerpolitik ist für dich [Anselme] zu >90 % wahlentscheidend.” Oder die Tierschutzpolitik. Oder beides. Da würde sich mal wieder zeigen, dass der rationale Wähler meist ein Mythos ist (siehe “The Myth of The Rational Voter”Start). Aber wenn Anselme sogar absichtlich irrational wählte, das wäre ein so starkes Stück, das ich nicht für möglich halte! Ich denke mal, dass Anselme hier nur einen interessanten Blogeintrag liefern wollte. Es werden wohl noch viele mehr Faktoren eingeflossen sein in seine Entscheidung gegen die FDP, die er hier nur nicht erwähnt hat.

  4. Anderer Tobias

    Anselme schrieb: “Man nutzt also [mit Steuersenkungen] sich selbst, indem man anderen Gemeinden schadet. Auf eine globalisierte Welt bezogen bedeutet das: Deutschland senkt die Steuern, wir werden attraktiver auf Kosten unserer Nachbarländer.”

    Man kann Deinen Satz Deiner Logik folgend auch so formulieren:
    “Man schadet also mit Steuererhöhungen sich selbst, indem man anderen Gemeinden nutzt. Auf eine globalisierte Welt bezogen bedeutet das: Deutschland erhöhrt die Steuern, wir werden unattraktiver zu Gunsten unserer Nachbarländer.”
    Diese Umformulierung zeigt, dass etwas an Deiner Kritik an Steuersenkungen nicht stimmt. Führt man Dein Argument zu Ende, so wären beides, Steuererhöhungen sowie Steuersenkungen, nicht in Ordnung. Das hieße es wäre immer genau der Status Quo in Sachen Steuern der richtige, was natürlich Unsinn ist. QED der Typ von der FDP hat Recht und Anselme hat Unrecht.

  5. Anselme

    Hallo Tobias;

    du hast natürlich recht, ich führe nicht jeden Punkt aus, der für oder gegen eine Partei entscheidet. Zum einen, um den Beitrag nicht unnötig in die Länge zu ziehen, zum anderen, weil ich nicht will, dass meine Mitbewohner und ich alle das gleiche schreiben. Allerdings führe ich die am meisten zu meiner Entscheidung führenden Punkte hier aus - und, @Konrad, wenn sich eine Partei in ihrem Wahlkampf/programm so sehr auf Steuerpolitik festbeisst, warum sollte ich dieses dann nicht mehr behandeln als andere Themen? ;-)

    Es geht nicht darum, ob Steuersenkungen/erhöhungen prinzipiell in Ordnung sind oder nicht - sondern ob das angestrebte Ziel damit erreicht wird, die Finanzierung des geringeren Steuereinkommens.
    Danke für dein Quod erra demonstrantum in diesem Bezug, habe sehr gelacht :-)

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