Freitagsfrage: Wir brauchen die Volksparteien!

3. September 2009 um 13:02 Uhr von Paul

Eigentlich sind mir Parteien zuwider. Egal ob Volks- oder Klientelpartei, Rundumprogrammatik oder Single-Issue-Phänomen. Partei heißt für mich immer Unterordnung unter einen Konsens, das Mittragen von ungewollten Entscheidungen und eigenartigen Programmauswüchsen.

Das Parteien zur Organisation von politischem Willen sinnvoll sind, ist mir natürlich klar, aber ganz naiv, und auch nur wenn ich mein historisches Bewusstsein ausschalte, wünsche ich mir eine Einheitspartei, die Volkspartei, in der sich in wechselnden Interessengruppen politischer Wille generiert, in der jeder Parteifreund und -feind zugleich ist und in der die Milieubindung der Parteien aufgehoben ist. Wir sind ein Volk, also brauchen wir auch eine Volkspartei, träume ich dann (und wache schweißgebadet kurz vor dem Totalitarismus wieder auf.)

Gucke ich mir die beiden Parteien an, denen das Etikett “Volk” noch angeheftet wird, so wie es die BILD auf Pizza, Bibeln und Vollwaschautomaten klebt, weiß ich, was ich für Probleme mit Volksparteien habe: Zu schwerfällig sind diese Tanker, nehmen nur nach und nach Programmatik von den Kleinen und aus gesellschaftlichen Strömungen auf. Ich weiß, das muss so sein, denn sie repräsentieren ja auch das selten avantgardistische Gesamtvolk, aber die Trägheit und die Komplexität der inneren Prozesse schrecken mich ab. Letztens in der Kommunalwahlnacht dachte ich mal wieder für einen Moment, ich müsse in eine Partei eintreten, eigentlich egal in welche, und da auf die innerparteiliche Meinungsfindung einwirken für die Programmatik, die mir wichtig ist. Doch der Moment war schnell vorbei, der Idealismus wieder dem Nichtfestlegenkönnen gewichen.

Bestimmt gibt es unter den verschiedenen Gruppen zwischen SPD und CDU mehr Verbindendes als zum Beispiel zwischen dem Seeheimer Kreis und der Parlamentarischen Linken in der SPD, bestimmt hat ein evangelischer Pastor in der SPD mehr mit dem christlichen Wertefundament der CDU gemein, als ein “Moderner Performer”, der wegen der Steuerpolitik in der Partei ist. Das politische Auseinandersetzungen nicht nur zwischen den Parteien, sondern sozusagen überparteilich auch z.B. zwischen den Generationen, den Geschlechtern, oder Berufsgruppen stattfinden, ist klar.

Könnte ich mir ein politisches System bauen, wie eine Modellbaustadt, säh das alles ganz anders aus. So aber, freunden wir uns mit dem Status Quo wieder an, brauchen wir die beiden Volksparteien, da sie im unübersichtlicher werdenden Parteienspektrum Stabilitätsfaktoren sind, weil sie gesellschaftliche Einflüsse langsam aber zuverlässig integrieren können und weil sie im Negativen, wie im Positiven die Normalgesellschaft abseits von Extremquartieren und Studentenmilieus abbilden. Behäbig, solide, sicherheitsliebend und ein bisschen provinziell, so sind unsere Volksparteien und so müssen sie bei diesem Volk wohl auch sein.

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