Linksnormalität (Über meine politische Sozialisation)
3. September 2009 um 00:20 Uhr von PaulMeine Mutter hat schwarz gewählt. Keine Sensation? Doch, bei einer Taz-Leserin, anti-atom-bewegt und feministisch, demo-erfahren und auf klarem Antikriegskurs. War zwar nur kommunal, aber erstaunt war ich schon: Ein Riss in meine familiäre Linksnormalität.
Meine Mutter hat mich großgezogen, sie war diejenige, die meine kindlich-jugendliche Normalität geprägt hat. Anti-Autoritär bis Laissez-faire erzogen, war es für mich normal, dass kaum kontrolliert wurde, ob die Hausaufgaben gemacht, die Zähne geputzt oder das Ich-will-nicht-in-die-Schule-Fieber nur simuliert war. Nur bei ein paar Punkten war sie strikt: H-Man und Plastiksoldaten gingen gar nicht, um Cowboys und Indianer wurde noch innerlich gerungen. Auch etwas technikfeindlich war sie, einen Fernseher gab es lange nicht und der C128 durfte erst mit zwölf mein Bildschirmmedienkonsum nachhaltig auf ungesundes Niveau bringen. Nach dem Ausbruch aus dem katholisch-konservativen Elternhaushalt linkspolitisiert schleppte mich meine Mutter auf Demos, musste ich mit eingetauschten Warengutscheinen von Asylbewerbern bezahlen und durfte ich auf Mahnwachen gegen den ersten Irak-Krieg Anteilnahme zeigen.
Um die linke Idylle perfekt zu machen, gab es dann auch schon früh ein autoloses Leben, nachdem ihr kleiner Toyota mangels Kühlwasser („das muss man nachfüllen?“) auf der Autobahn den Geist aufgab. Etwa gleichzeitig wurde das infantile „Mama“ gegen „Mutter“ oder ihren Vornamen zwangsersetzt. Erstrebenswert-frühe Eigenverantwortlichkeit wechselte sich bei dem armen, armen Schlüsselkind mit dem subjektiven Gefühl des Alleingelassenseins ab. Mit 13 war es für mich normal, meine Klamotten selbst zu waschen, nachdem meine Mutter ihrem männlichkeitssuchenden Sohn alle blauen Jeans via eines roten Pullovers unwiederbringlich lila gefärbt hatte. Das Taschengeld wurde ausgehandelt und wo immer es ging, wurde von Erwachsener zu Für-erwachsen-Gehaltener gesprochen. Das sind auch für mein politisches Denken Grunderfahrungen, der frühpubertäre Alltag war ein Diskurs zwischen „Wer spült?“, „Wann machst Du endlich das Klo?“ und „Was macht die Nato in Jugoslawien?“. Jaja, das Private ist das Politische: Von einem Trier-Besuch wurde mir halbironisch ein Marx-Plakat fürs Jugendzimmer mitgebracht.
Politisch organisiert war meine Mutter auch: Lange Jahre war sie bei den Grünen und saß auch mal in einer Bezirksvertretung. Der innere Fundi-Realokonflikt und ein Umzug haben sie dann wohl da rausgetragen, ich weiß gar nicht ob sie noch Mitglied auf dem Papier ist. Dafür engagiert sie sich umso mehr im ADFC und schwatzt jedem, ober er will oder nicht, eine „Mit dem Rad zu Arbeit“-Broschüre auf. Reden kann meine Mutter eh sehr gut, es gibt Leute die beschweren sich über meinen dominanten Gesprächsstil, aber gegen meine Mutter komme ich auf einen Redeanteil von unter 20%. Sollte sich das alles zu negativ anhören, möchte ich klarstellen: Ein Vorbild ist sie mir in ihrem grenzenlosen Interesse an allen Dingen zwischen Himmel und Erde, in ihren klaren politischen Überzeugungen und ihrer ehrlich-altruistischen Bewegtheit für Gerechtigkeit.
Linke Themen und linker Lebensstil, postmaterialistisch und auf ethisches Handeln gerichtet und dabei oft eine Spur zu idealistisch, das war meine politische Sozialisation.










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Am 3. September 2009 um 11:06 Uhr
He-man (!!).
Dein Kalkül geht auf: Mehr Beweise für die Authentizität deiner Ausführungen musste nicht mehr bringen.