Sympathie ja, meine Stimme nein
21. September 2009 um 20:15 Uhr von PaulAch ja, die Vorurteile. Ich habe mir schon fast gedacht, dass die CDU uns Umgangslinken einen ihrer hipperen Leute schickt, der WG nicht für die Abkürzung „Wertgegenstand“ hält, modisch nicht komplett in der Pullunder-Segelschuh-Phase stecken geblieben ist und der auch sonst nicht in die Klischees der beschworenen jungen Bürgerlichkeit fällt. Doch wie steht`s mit den Inhalten, bringt Gottfried alten Wein in neuen Schläuchen?
Schon im Vorgespräch ging es Sonntag zur Sache: Gottfried kam kaum vom Mofa `runter, da wurde er gleich kumpelig angegangen. Bildungspolitik war angesagt, hier konnte man mal entspannt rangehen, weil inhaltliche Angriffsflächen nicht vertuscht wurden, da auch kein Profi saß, der jede Frage über drei Sätze in Selbstdarstellung verkehren kann und man sich wirklich wie am weinseligen WG-Tisch mit einer mitgebrachten Bekanntschaft (ausversehen CDU) fühlte. Inhaltlich kam Gottfried aber nur selten an: Das Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen, zum Beispiel wurde in der Gesamt-WG als Integrationshemmnis gesehen und so sehr Gottfried gegen Tobias Aufgebrachtheit anredete, nein, überzeugen konnte er uns in diesem Punkt nicht. Sehr liberal der Jungspunt vom RCDS, der auf meine Frage, warum er bei seinen Gesellschaftsvorstellungen nicht in der FDP ist, antwortete, dass er eine Volkspartei spannender als eine Klientelpartei fände.
Ich mag seinen ungeduldigen Stil, sein aufgeregt-hektisches Stakkato, habe das Gefühl, dass er sich gerne als Underdog präsentiert. Man kann mit ihm streiten und dass ist schon mal etwas sehr positives. Doch schade, dass sich kein CDU-Mensch - also auch er nicht - mehr wirklich zur Atomkraft bekennt, niemand aus der Jungen Union scharf gegen die multikulturelle Gesellschaft redet oder einen provokanten Elite-Diskurs fährt: Das macht auch Gottfried nicht, er hat aus seinem Zwei-Stimmen-für-Leistungsträger-Fauxpas gelernt. Anscheinend ist er auch gar kein so harter Knochen, denn auch er fürchtet einen konservativen Rollback in seiner Partei. Und obwohl es wohl gegen sein Temperament geht, inzwischen überlegt er sich seine Antworten doch lieber zweimal, bevor er den Geist aus der Flasche in die unkontrollierbare Medienwelt lässt und sich wieder auf Seite 1 der BILD wiederfindet.
Vielleicht aber hat auch er sich auch gerade ein wenig in dieser Langeweile-Wohlfühl-CDU eingerichtet, die im Lichte der vielversprechenden Prognosen jede Auseinandersetzung aussitzt und jede Polarisierung scheut. Kurzum, der von ihm in die WG mitgebrachte Wein ist der alte: Für mich in verschieden Nuancen fragwürdig (Innere Sicherheit, Kriegspolitik, Integrationspolitik) und dann noch mit viel sprachlichem Wasser verdünnt. Was er mitbringt, ist das CDU-Parteiprogramm, Abweichungen leistet er sich nicht, deswegen braucht man das, was er erzählte, hier auch nicht breit referieren.
Auf der anderen Seite merkt man aber, dass auch er Probleme mit der derzeitigen CDU hat, denn für wahre Rundum-Überzeugung benötigt er bei den ungewöhnlicheren Fragen zu lange Bedenkpausen. Ich glaube nicht, dass er große Lust hat, über das dreigliederige Schulsytem als tolle Idee zu reden (er redet sich mit dem Luftpunkt “Mehr Lehrer” raus), sich für Schäubles Auffassungen von Sicherheitspolitik einzusetzen oder Studiengebühren zu verteidigen. Aber vielleicht ist das auch nur eine altlinks-sympathiegeleitete Fehlwahrnehmung.
Schön, dass es solche Menschen wie Gottfried in der CDU gibt. Programmatisch sind wir oft weit auseinander, aber mich reizen diese intelligenten und dabei habituell kompatiblen Konservativen, bei denen ich dann in der Gegenpositionierung merke, dass mein Herz doch mehr links und liberal schlägt, die ich aber in ihren Gedanken verstehe und deren Postitionen ich im Gegensatz zu meinem alternativgeprägten Alltagsumfeld nicht so idealistisch überhöht und so pseudo-empört-attitüdig finde.










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