Der Moment als Renate Künast mein Herz gewann…
30. August 2009 um 19:35 Uhr von Christine…fing nicht mit der Wahlparty der Grünen an.
Vom Anfang: heute sind Landtagswahlen im Saarland, Sachsen und Thüringen. Ich bin bei den Grünen in der Parteizentrale. Die Fernseher laufen mit den Hochrechnungen. 18 Uhr, der Blick auf den TV zeigt dass die Grünen mit etwa 5,6 % im Saarland seit 15 Jahren endlich wieder vertreten sind. Ähnliche Zahlen in Sachsen und Thüringen, Grün pendelt so um die 6 % herum. Die Stimmung im Saal ist gut, nicht hyper aber auch nicht gedrückt. Stimmengewirr begleiten die Sprecher im Fernsehen. Schön passend zur letzten Freitagsfrage sieht es so aus, als seien die Grünen das Zünglein an der Waage für Jamaika, oder rot-rot-grün.
Wir warten auf die Stellungsnahme von den Parteichefs. Herr Kuhn betritt den Raum, steht mir kurz gegenüber und ergreift die Flucht. Bin ich Schuld? Dann betreten Jürgen Trittin und Renate Künast das Podium. Beifall brandet auf, und plötzlich ist Stimmung in der Bude. Nach einer kurzen Einführung ergreift Herr Trittin das Wort. Er befindet das heutige Ergebnis als wichtige Zwischenetappe, auch für die Bundestagswahl. Applaus. Er hofft, dass somit der Anfang vom Ende von Kanzlerin Merkel eingeläutet wurde, den sie habe nun die Quittung für ihre “Schlafwagenfahrt” erhalten. Beifall.
Nun kommt Frau Künast zu Wort und nach der eher sanften Rede von Herrn Trittin zeigt sich die grüne Spitze jetzt von der kämpferischen Seite. Es gibt Zahlen: 14 mal hintereinander hat die CDU nun Stimmen einbüßen müssen. Dagegen haben die Grünen seit 2005 stetig dazu gewonnen (Echt? Erschien mir gar nicht so, aber die werden wohl das etwas genauer verfolgt haben). Mittlerweile hat sich Herr Kuhn wieder zu mir gesellt und ich habe etwas Schwierigkeiten meine Notizen verdeckt weiter zu schreiben, halte meinen Arm um meinen Block, wie früher in der Schule, wenn die Streber nicht wollten, dass man abschreibt. Er lächelt mich freundlich wissend an. Frau Künast ruft voller Elan, dass sie besonders froh sei, dass die Grünen schwarz-gelb verhindert haben. Ist ja schließlich auch ihre Wahlkampfparole. Jetzt wollen sie kämpfen, vier Wochen haben sie ja noch. Und tatsächlich, auch in mir kommt ein kämpferisches Gefühl auf. Ich fühle mich mobilisiert, und starre wie hypnotisiert auf die kleinen “Go Fahnen” deren O eine Sonne darstellt. Ende der Stellungsnahme.
Die Menge verteilt sich, vornehmlich zum Getränke- und Essenstisch. Ich schnappe mir ein Wasser, rauche eine und schleiche um Frau Künast herum, die mit drei Journalisten spricht. Ich verstehe leider nicht worüber sie reden, aber Frau Künast sieht noch immer sehr angriffslustig aus. Fein gemacht im Hosenanzug, und irgendwie konservativer, als ich sie mir vorstellte. Ich halte Ausschau nach dem hünenhaften Trittin, der drinnen interviewt wird. Der freundliche Fritz Kuhn ist futsch, das finde ich schade, den er schien mir am nahbarsten. Von Innen dringt gelegentlich Applaus, wahrscheinlich ob der Hochrechnungen. Insgesamt sind alle sehr froh und ich irritiert. Worüber freuen die sich so? Wieder im Saarland vertreten zu sein ist toll, aber ich sehe bei weiten mit 5/6 % keine Massenbewegung. Ist es wirkliche Freude oder handelt man in der Politik frei nach dem Motto “fake it until you make it”? Seit die Reden vorbei sind, ist auch die Aufbruchsstimmung wieder hin. Aber ist Aufbruch überhaupt der richtige Ausdruck? Ich bin in einem grünen Haushalt aufgewachsen, sah Freunde der Familie in der Tagesschau auf Gleisen angekettet, um Atomtransporte zu verhindern, erinnere mich an Massendemonstrationen für grüne Ideen. Dies ist kein gefühlter Aufbruch, dies ist eine gefühlte Erleichterung, dass man noch was zu melden hat. Das ist ok, Realpolitik erfordert keine Gleisankettungen und die meisten hier haben das Abenteueralter auch schon hinter sich. Zudem sich alle Parteien zur Zeit gerne den grünen Anstrich geben. Spannend ist heute, ob es jetzt in Thüringen tatsächlich den rot-rot-grünen Sprung ins kalte Wasser gibt. Die Freitagsfrage wurde diesbezüglich ja schon von uns allen ausführlich erörtert und mein Fazit “noch nicht reif” ist vielleicht morgen schon “übergar”. Wer weiß.
Während ich noch sinniere tapert ein Kleinkind suchend durch den Raum. Hinter ihm eine freundliche, besorgte und gleichsam fröhliche und sehr persönliche Renate Künast im gebückten Hennengang, dabei laut rufend: “wir suchen eine Mami!” Das Kind scheint sich geborgen zu fühlen mit der netten Frau hinter sich. Sie ziehen an mir vorbei in Richtung Garten. Frau Künast hat Wahlkampf und ist sich nicht zu Schade mit einem kleinen Kind seine Mutter zu suchen. Delegiert nicht, tut nicht nett, sondern ist ganz echt in der Situation. Ich schaue den beiden nach und merke wie ihr mein Herz zufliegt. Ist das oberflächlich? Bestimmt. Aber ich habe an diesem Abend zum ersten mal den Menschen Renate Künast gesehen. Und da war sie, die Partei aus meiner Kindheit: echt, nahbar, menschlich, Leute wie du und ich, die die Welt ein Stückchen besser machen wollen. Ziemlich kitschig, aber mir hat es gefallen.










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Am 31. August 2009 um 12:25 Uhr
auch wenn ich gestern nicht viel Zeit hatte für dich… das was du beschreibst, spricht mir aus dem Herzen. Denn genau so erlebe ich sie jeden Tag. Und dann weiß ich wieder, weshalb ich auch Sonntags gerne arbeite…:-)