Das Leben danach…
8. Oktober 2009 um 13:22 Uhr von PaulDie ersten Hochrechnungen laufen im Hof des Betahauses über den Schirm. Die Spannung in den Liegestühlen schlägt um in Depression. Nur Paul klatscht, als die FDP-Ergebnisse gemeldet werden. Die Kollegen von der Politikfabrik, die Netzdemokraten, meine Mitbewohner, alle sind etwas bedröppelt. Ich dagegen weiß nicht so genau: Fühlt sich das jetzt cool an, diese Selbstausgrenzung, der vermutlich einzige FDP-Wähler der dort versammelten Politinternetblase zu sein und das noch lauthals herauszuposaunen? Nein, die miese Stimmung steckt mich an, hier gehöre ich nicht zu den Wahlsiegern sondern zu den Verrätern. Und Verräter sein, macht keinen Spaß.
Neben mir am Pissoir erregt sich ein aufgebrachter Anti-AKWler: „Das wird Blut geben.“ Auch wenn er noch sinnvollere Worte von sich gibt, nennt sich so etwas Respekt vor einer Wahlentscheidung? Also folgen ein kleiner Disput beim Händewaschen und mein Standard-Outing. Danach geht’s an die Abendplanung, nachdem der linke Wahlkater auch das Betahaus schnell erfasst hat. Keiner will zur FDP, wir landen also bei der hipp-aussichtslosen Variante meiner Wahlentscheidung, bei den Piraten. Auf dem Weg dorthin ein Blick auf mein Handy, fünf mal „Du bist Schuld!“ von meiner wunderbaren Stammwahlparty in Bochum. – Ich gebe zu, ein bisschen Spaß macht`s mir schon.
Leer ist es bei den Piraten, aber nett. Es gibt Sauerkraut gegen Spende, eine mittelprächtigen DJ und Flaschenkontrollen beim Einlass. Ein wenig tanzen, ein wenig schauen: Jörg Tauss ist da und Markus Beckedahl, achja und Rainer Langhans haben wir ja auch noch mit. Der Abend geht zu Ende mit einer Österreicherin und einem Engländer und damit, dass ich der ersten erklären will, dass das jetzt nicht zwangsläufig neue AKWs bedeutet und dem zweiten, dass man von einem wirklichem „Rechtsruck“, auch wenn das die BBC so meldet, nicht wirklich reden kann. – Die beiden sind gerade mit einer Energiewende-Elektro-Geschichte auf Europatournee, klar, dass da bei schwarz-gelb Fragen kommen.
Danach der Marathon. „Wie konntest Du nur…?“, „Hast Du wirklich…“ und „Das ist krank!“. Ich fahre die ersten drei Tage zu Hause bei jedem Sozialkontakt meine Wahlbegründung als Repeatschleife. Insgeheim hat ein Freund von mir auch liberal gewählt, der aber wird in Ruhe gelassen. Ich fange an, das Wahlgeheimnis wieder schätzen zu lernen. Zwischen Spaß an der neuen Underdog-Rolle und Genervtsein von einer kleinen Kampagne meiner Freunde mit einem - allerdings großartig gemachten - Bob-Dylan-„Du bist Schuld!“-Video, versuche ich inhaltlich meine Wahlentscheidung zu begründen: Stimmt, Gesundheitspolitik habe ich ausgeblendet, aber nein, Bildung ist Ländersache. Anstrengend.
Anstrengend vor allem, dass mir wirklich vorgehalten wird, ich hätte nur aus Narzissmus die Aufmerksamkeit für meine Provokation mitnehmen wollen. Oder dieses überheblich-mitleidige Kopfschütteln linksethischer Scheinüberlegenheit. Ja, es gibt Gründe nicht Rot, Rot oder Grün zu wählen, auch rationale! Und man kann auch als Liberaler ein soziales Gewissen haben. \n\nAnstrengend finde ich auch die Angstbesetztheit bei Themen wie Atomkraft oder Gentechnik, die oft auf Kosten der Streitkultur geht. Man darf ja Angst davor haben, aber man muss sie nicht zwangsläufig in dieser Risiko/Chancen-Abschätzung teilen. Da wird es dann schnell persönlich, weil unterschiedliche Akzeptanz- und Vetrauensniveaus zwar erkannt, aber innerlich nicht hingenommen werden. Meine Lust am Streit wird auch zusätzlich durch die Unfähigkeit einiger Menschen, von ihren eigenen Interessen zu abstrahieren, gemindert. Ja, ich habe eine Partei gewählt, die mit dem Vorwurf kämpft, ein klares Klientel zu bedienen, nur gehöre ich nicht dazu: Ich musste bei meiner Mutter um ein Darlehen für die Studiengebühren bis Weihnachten betteln und habe trotzdem mein Kreuz bei Gelb gemacht. Aus Idealismus sozusagen, so paradox das klingt. Wenn mir dann erzählt wird, man könne ja mit jedem reden, „aber dem Pinkwart (FDP-Typ für Bildung in NRW) müsste ich ständig in die Fresse hauen.“, weil er die Studiengebühren eingeführt hat, kommen mir Zweifel an einer angemessenen Auseinandersetzungskultur und an dem Blick der Studenten über ihr Partikularinteresse hinaus.
Ganz anders in der Schule: Eine Freundin hat mich eingeladen in einem Sozialwissenschaftskurs der 12 von meinen Erfahrungen als weitgereist-erfahrener Wechselwähler zu erzählen. In einer Simulation versuchen die Schüler mich für „ihre“ Partei zu gewinnen. Das schmeichelt und gibt einem den Eindruck, seine Stimme hat 250-faches Gewicht. Wenigstens wäre ich dann wirklich etwas mehr Schuld, denke ich und freue mich über die ausgeglichene Diskussion.
Dann setze ich mein neues Blog auf: Vier Jahre Probezeit, ich weiß selber nicht, will ich da einen FDP-Parteibeitritt vorbereiten oder ein Watchblog fahren? Gibt es sowas wie eine kritisch-affirmative Haltung? Bis auf Weiteres bleibt das Mission Statement vage. Als ich von RisikoSchwarzGelb, einem kritischen Oppositionsblog höre, will ich fast lieber da mitmachen. – Aber Paul, Du hast die doch gewählt. Ach ja stimmt.
Und so wechselwählt es fröhlich in meinem Kopf weiter. Ich kann mir bisher nicht vorstellen, mein Votum bei den Wahlen in NRW zu wiederholen. Vielleicht brauchen wir sie wirklich im nächsten Jahr: Die Wechselwähler-WG als NRW-Edition.
Herzlichen Dank, liebe Netzdemokraten und liebe Leser. Es war eine tolle Erfahrung, bei dem Projekt mitmachen zu dürfen. Ich hoffe, ihr hatte auch etwas davon, ob wir nun halbwegs erhellend oder unterhaltsam waren, müsst ihr beurteilen…










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Am 8. Oktober 2009 um 16:50 Uhr
Wir laden dich herzlichst ein, bei uns mitzumachen, wenn ja wenn …
Mindestens aber und das schon jetzt, kannst du intensiv bei uns diskutieren.
Risiko SchwarzGelb.
Beste Grüße
Mathias