Zu schlau für rosa? - Katja Kipping besucht die WG

12. August 2009 um 23:01 Uhr von Paul

Eigentlich wollte ich mich gerade gemächlich an meinen ersten Beitrag für mein unberührtes Blog machen, hatte mir soeben das SPD-Wahlprogramm in PDF-Form auf den Rechner gezogen und wollte direkt damit beginnen, aufgehängt an einem Wahlplakat darzustellen, warum mir die SPD trotz inhaltlicher Nähe oft so schrecklich unsympathisch ist. Doch eine überraschende Mail im Posteingang wirft meine Pläne über den Haufen: Unser erster Gast am Sonntag heißt Katja Kipping von den Linken. Katja wie? K I P P I N G, nee nicht die Ururenkelin des namensähnlichen Dschungelbuch-Autors, sondern eine, die sich derzeit durch eher politische Dickichte schlägt - und das scheinbar mit Erfolg als MdB und stellvertretende Bundesvorsitzende. Wie es sich als Gastgeber gehört, sollte man sich vielleicht ein wenig auf den Besuch einstellen: Also die Denkspur noch ein bisschen nach links justieren und sich auf eine Vertreterin einer Partei einlassen, die ich für mich bisher doch in die Kategorie „unwählbar“ einsortiert hatte. Denn meine Probleme mit der SPD sind gegen meine Konflikte mit den Linken neokapitalistisch ausgedrückt Peanuts. Aber vielleicht gibt es ja in der Auseinandersetzung mit der Linken für mich durch ein Plus an Reibung auch ein Plus an Erkenntnis…

Katja Kipping (Pressefoto - Die Linke)

Katja Kipping (Pressefoto - Die Linke)

Doch warum kenne ich die Dame als angeblich politisch Interessierter nicht wirklich?

Ich bin da wohl wirklich ein wenig blind auf dem linken Auge, denn außer dem omnipräsent polternden Lafontaine, dem linksisch-klugen Gysi, dem Alterspräsidenten Lothar Bisky, der forschen Petra Pau und der Charismakommunistin Sahra Wagenknecht ist mit das politische Personal der Partei ziemlich unbekannt. Auch Unterstützer und Wähler kenne ich wenige: Ein paar Autonome und Kiffer im erweiterten Freundeskreis und mein Onkel (der mich beschwipst auf Familienfesten als Kapitalfaschist zu beschimpfen pflegt) wählen die Linke und auch ein älterer, bärtig-idealistischer Freund (der aufgrund seines speziellen Generationenvertrages jedem Jüngeren unter der Zusage ihm das später einmal nachzutun unbegrenzt Bier ausgibt). Er hat die Fundi-Wessi-Althippiekarriere von der APO zu den Grünen zu den Linken mitgemacht und wird mit Sicherheit Anhänger einer neuen linken Splittergruppe, sollte die Linke mal als Regierungspartei pragmatische Politik vertreten müssen. Ja und dann gibt’s da noch eine alte, fast vergessene Kinderfreundin, die laut mütterlichem Hörensagen da Politik machen soll (Susanne melde Dich mal). Aber sonst? Weder lebensweltlich noch politisch habe ich ein Gefühl der Nähe zur Linkspartei. Wenn ich mein lädiertes Gedächtnis bemühe, erinnere ich mich zwar gerade sogar daran, das telegene Gesicht unseres Sonntagsgastes schon mal in einer Talkrunde gesehen zu haben, aber ich kann ganz unbefangen mit Frau Kipping umgehen, denn inhaltlich ist sie für mich ein unbeschriebenes Blatt. Ich muss halt nur aufpassen, dass ihr Parteibuch mir am Wochenende nicht das neutrale Aufeinandereinlassen versaut.

Die SED-Nachfolgegeschichte zu bemühen finde ich langsam daneben, aber irgendwas schwingt in dem Laden mit, das mich auf Abstand hält und mich so frech „zu schlau für rosa“ texten ließ. Sind es die vulgärmarxistischen Vögel an meiner Uni, die ich vielleicht zu Unrecht mit der Partei verbinde? Sind es die Kontakte zu radikaleren Kräften, die mich ob der Systemtreue der Partei zweifeln lassen? Ist es der politische Habitus der ersten Reihe, der sich laut gegen eine vermeintliche mediale Schlechtbehandlung aufplustert? Ist es das unakademische Milieu der an den gesellschaftlichen Rand Gedrängten, des Tittytainments und der marginalisierten Kleinbürger, welches mich in hässlicher Arroganz abstößt? Oder sind es die zwar in ihrem Durchhaltevermögen von mir respektierten, aber inhaltlich eher niedlichen, singenden Montagsdemonstranten, die oft ihre Fahnen schwenken? Ich weiß es nicht, aber fest steht, dass ich Nachholbedarf in der Auseinandersetzung mit rosa habe und ich der Partei eine neue Chance auf eine faire Betrachtung einräumen sollte. Anknüpfungspunkte für eine erneute Annäherung mit links außen gäb es nämlich eigentlich genug, schließlich hat mich noch mein „hanebüchen“ rechtskonservativer Geschichtslehrer „einen linken Chaot“ geschimpft, habe ich schon mit 16 so getan, als hätte ich Marx` Kapital gelesen (in Wirklichkeit hat es nur für das fluffig-luftige Kommunistische Manifest gereicht) und lasse ich unter meinem Bett eine selbstkonzipierte Ausstellung zur Geschichte des 1. Mai verstauben. Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit einer lesenden Annäherung, denn wie es sich für eine ambitionierte Jungpolitikerin gehört, hat Frau Kipping auch ein politisches Buch geschrieben. Glücklicherweise führt die Bibliothek sogar ihr „Ausverkauf der Politik“, das ich mir jetzt mal als Bettlektüre gönnen werde (und wofür ich sehr gerne Jan Fleischhauers teilweise unsägliche Polemik „Unter Linken“ temporär zur Seite legen werde).

Wer mich sonst noch zu meinen linken Wurzeln zurückführen möchte, darf es gerne versuchen. Vielleicht wende ich mich mal an Essener Linksvertreter, um mich für Sonntag schon mal in den linken Diskurs zu grooven. Ansonsten ziehe ich mich dann mal mit den 362 linken Überraschungsseiten auf die Terrasse zurück…

Herzlich willkommen, Katja! Ich freue mich, dass wir Dich als ersten Gast begrüßen dürfen!

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2 Reaktionen zu “Zu schlau für rosa? - Katja Kipping besucht die WG”

  1. Rabea

    Das klingt nach einem spannenden ersten Besuch… ich freue mich auf Neuigkeiten aus der Wechselwähler-WG!

  2. WW Anselme

    ganz klar: Wegen der Altmännerdoppelspitze?

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