Der Ruf des Wechselwählers ist nicht unbedingt der beste. Wechselwahl suggeriert unstetes, wankelmütiges, unsicheres Verhalten. Wechselwähler - das sind die personifizierten Anti-Thesen zu geerdeten Stammwählern, die wissen, was sie wollen und auch so wählen; die eine feste politische Heimat haben und der Bundesrepublik über all die Jahre politische Stabilität verliehen haben. Wechselwähler – sie erscheinen als wankelmütiges Lumpenproletariat der deutschen Politik, die in der Postmoderne jeglichen Kompass verloren haben, weil sie politisch des- und unorientiert sind.
Soweit die antiquierte Sicht auf die Dinge. Wir sehen die Wechselwahl anders. Für uns sind die unentschiedenen Wähler das Salz in der Suppe - ja geradezu die Hoffnungsträger - der Demokratie. Sie sind die Inkarnation des aufgeklärten und abwägenden Stimmbürgers, der sein Kreuz nicht gedankenlos hinter den Namen irgendeiner angestammten Partei macht, sondern kritisch prüft, welcher Kandidat, welches Programm und welche Partei überzeugt, überredet, überragt.
Parteien gefällt dieser Trend naturgemäß wenig bis gar nicht, intensiviert er doch den Kampf um die wählenden Köpfe und verringert parallel dazu die politischen Sicherheiten. Dennoch ist dieser Trend unabänderliche Realität. Dies bestätigen auch die Politologen des Landes. Sie sprechen – in wissenschaftlich akkuratem Jargon – von einer Wahlentscheidung, die sich zunehmend an Performanz-Kriterien ausrichtet. Will heißen: Parteien und ihre Protagonisten werden nicht mehr blind gewählt, sondern ihre Leistungen werden kritisch auf den Prüfstand gestellt.
Fakt ist: Wechselwähler werden mehr und sie werden wichtiger in unserer Demokratie. Bei der letzten Bundestagswahl 2005 gaben immerhin 28 Prozent der Wähler einer Partei die Stimme, die sie 2002 (noch) nicht gewählt hatten. Diese Wähler sind natürlich keine frei floatenden politischen Wesen. Der Wille zum Wechsel findet selten über die Lager hinweg – hier bürgerlich, dort links-progressiv – statt, sondern zumeist innerhalb einer politischen Denkgemeinschaft. Oft bleibt er auch auf halbem Wege stecken und äußert sich im beliebten Ticket-Splitting zwischen Erst- und Zweitstimme.
Der schwerelos im politischen Raum schwebende Wähler ist also (noch) die Ausnahme. Aber auch diese Gemeinde der völlig Heimatlosen wächst. Immer öfter treffe ich in letzter Zeit auf Bekannte, die nicht wissen, ob sie grün oder gelb, rot oder schwarz wählen sollen. Die Frage taucht unweigerlich auf: „Kann das denn sein?“ Die Antwort: „Ja, warum denn nicht?“
Wir zitieren hier den großen Publizisten Sebastian Haffner, der in den 1970er Jahren in seinen Überlegungen eines Wechselwählers schrieb: “Gäbe es keine Wechselwähler, dann wären freie Wahlen im Ergebnis vorhersagbar. [...] Es ist der Wechselwähler, der dafür sorgt, dass eine regierende Partei nicht übermütig oder müde wird und eine opponierende nicht verbittert oder demagogisch.” So be it!
Tweet This